Zwei Welten

by Jenny Keller
On 18. Mai 2017
Ein Bett im 25hours Hotel Langstrasse. Bild: Jens Bösenberg

Gigon/Guyer, E2A Architekten und Werner Aisslinger: Drei Kreative gestalten zwei neue Hotels in Zürich, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Das eine steht in Zürich-West an der Heinrichstrasse 254 und heisst Hotel Züri. Das andere, das 25hours Hotel Langstrasse, markiert das vorläufige Ende der Europaallee und steht an der Ecke Langstrasse/Lagerstrasse. Ruhig und zurückhaltend, unauffällig im Stadtbild präsentiert sich das Erste, während Letzteres mit einer rauschenden Party letzte Woche Präsenz markierte.

Die Anzahl Hotelbetriebe in Zürich hat seit dem Jahr 2005 zugenommen, 2016 gab es in der Stadt 121 Hotels mit insgesamt rund 8000 Zimmern. Die Auslastung lag konstant bei rund 70%. Bis Ende 2019 prognostiziert die NZZ eine Steigerung von 1700 neuen Zimmern und schreibt in einem weiteren Artikel: «Mittlerweile macht es den Anschein, als zählten Hotels zu den Lieblingsgeschäftspartnern von Immobilienpromotoren». Das, weil bei Büroliegenschaften noch immer ein Überangebot herrscht und auch Eigentumswohnungen sich nicht mehr so leicht verkaufen lassen. Die zwei neuen Zuzügler buhlen seit April auch um die Gunst der Gäste, dies auf sehr unterschiedliche Weise, wie wir unten darstellen wollen.

Ein Hotelzimmer im Hotel Züri by Fassbind. Bild: Roman Keller

Geschichte(n)
Ein Hotel aus den 1980er-Jahren gegenüber des früheren Steinfelsareals wurde innerhalb von einem Jahr von Gigon/Guyer Architekten zum neuen Hotel Züri by Fassbind umgebaut. Eric Fassbind ist Hôtelier der sechsten Generation, seine Familie stammt aus der Innerschweiz, sein Grossvater hat ins Tessin expandiert, und seine Eltern hatten Hotels in Lausanne und Genf – eine unnütze, aber nette Bemerkung am Rand: Im Hôtel Cornavin in der Rhone-Stadt, das der Familie Fassbind gehört, ist Professor Tournesol aus den Tintin-Geschichten immer abgestiegen.

Durch seine Eltern, der Vater baute mit Justus Dahinden, ist er zur Architektur gekommen, und als Eric Fassbind sein drittes Hotel in Zürich eröffnen wollte, engagierte er Gigon/Guyer für den Umbau. Dabei betont er, dass seine Hotels individuelle Häuser sind, im Quartier verankert sein müssen und jedes Mal ein «Coup de Coeur» für ihn darstellen. Annette Gigon und ihr Team haben das ehemalige Hotel aus den 1980er-Jahren nicht entkernt, sondern «geschält»: Das Volumen des Gebäudes und die konstruktive Grundstruktur mit Betondecken und Trennwänden konnte fast unverändert beibehalten werden. Der Totalumbau dauerte ein Jahr. Ein Dachaufbau als Holzkonstruktion und die Fassade des Hotel Züri by Fassbind wurden indes neu gebaut. Ebenso die Nasszellen und das Interieur der Zimmer. Die Fläche für die Zimmer wurde, laut Annette Gigon, so ausgenutzt, dass man «gut beheimatet» ist.

​Klinkersteine – eines der Merkmale des ehemaligen Industriequartiers – sind an der Hotelfassade nicht vorgemauert wie bei den Gründerzeitfassaden, oder in Rahmenstrukturen eingefüllt wie bei den Industriebauten, sondern erscheinen in den selbsttragenden, vorgestellten Betonelementen als eingegossene «Intarsien».

Die Klinker-Intarsien auf der Beton-Fassade des Hotel Züri by Fassbind versinnbildlichen, dass der Klinker oder Backstein bei den der Inspiration dienenden Gründerzeithäusern nie tragend war. Bild: Roman Keller
Die Langstrasse draussen – und zum Teil auch ins 25hours Hotel geholt. Bild: Andrea Diglas für 25hours

Das 25hours Hotel an der Langstrasse war für Besitzer wie auch den Designer und Innenarchitekten Werner Aisslinger eine langwierige Arbeit: Von den ersten Gesprächen mit der SBB, der Bauherrin der Europaallee, bis zur Eröffnung des Hotels dauerte es sechs Jahre. Ein Grossprojekt, dem viel Persönliches hätte abhanden gehen können, hätte sich das Kreativteam um Aisslinger nicht mit einem vielschichtigen Konzept unter dem Arbeitstitel «Pocket Universe» (inspiriert von einem Album der Zürcher Band Yellow) um einen roten Faden und ein gemeinsames Ziel gekümmert. Das Haus versteht sich als kleines Universum (neben dem Kulturhaus Kosmos) und soll für Reisende aber auch für die lokale Bevölkerung ein temporäres Zuhause sein.
 
Das 25hours Hotel Langstrasse befindet sich auf dem Baufeld H der Europaallee, das das Zürcher Architekturbüro E2A bebaut hat. Der gedrungene Baukörper am Ende des Baufelds soll als Bindeglied zwischen Europaallee und Langstrasse fungieren. Die dunkelgraue, fast schwarze Fassade aus Glasfaserbeton mit Fensterrahmen aus Pulverbeschichtetem Aluminium, beziehungsweise deren spiegelnden Oberflächen (und die Fenster sind riesig dimensioniert, wie an der ganzen Europaallee) reflektieren die Umgebung der Langstrasse.
 
Für die 25hours-Gruppe ist es das zweite Hotel in Zürich. Im Westen der Stadt, beim Toni-Areal hat der erste Ableger in Zürich eröffnet dessen Interieur von Alfredo Häberli gestaltet wurde. Dieses fällt, im Gegensatz zum Schwesterhaus, ungemein schlichter aus. Nun, an der Langstrasse sehen es die Hotelverantwortlichen als ihren Auftrag, einen Teil zum Leben in der neuen Nachbarschaft beizusteuern. Der Platz, oder die Plaza, die das Hotel mit dem benachbarten Kosmos teilt, und auf dem sich 100 Strassencafé-Sitzplätze befinden, läuft quasi ins Gebäude hinein. 6,5 Meter hohe Türen und Schiebeelemente lassen sich in der warmen Jahreszeit komplett öffnen.

«Das Spannende in einem Hotelzimer ist das Bad, denn oft liegt hier der Erlebnisfaktor, den man zuhause nicht hat», sagt Designer Werner Aisslinger. Bad in einem L-Zimmer im 25hours Langstrasse. Bild: Stephan Lemke für 25hours
Ein single Bad im Hotel Züri. Bild: Roman Keller

Kein Luxus
Ein Hotel sollte auf keinen Fall aufgebretzelt sein, sagt Werner Aisslinger. Hotels mit «Richness-Faktor» seien von gestern, meint er. Drei Kategorien, M, L und XL (ob man Ream Koolhaas gelesen hat?) und zusätzlich Suiten bilden die Kategorien im Hotel. Nach dem Arbeitsprinzip der Collage hat er mit Zürcher Kreativen und vielen verschiedenen Zutaten ein buntes, fröhliches, sich immer veränderndes Interieur geschaffen, das Puristen überladen vorkommen mag, aber durchaus Patina in einen kühlen Investorenbau bringt.
 
Eric Fassbind ist auch kein Luxusmensch. Er mag kein Chi-Chi, ihm ist bei einem Hotel ein guter Schlaf wichtig und das Licht. Gigon/Guyer, die auch das Interieur des Hotels gestaltet haben, haben dem mit eigens entworfenen LED-Leuchten und grossen Lukarnen in den Dachgeschossen Rechnung getragen. Farblich scheint man in den Hotelzimmern aber etwas danebengegriffen zu haben. Die Farbakzente, in den Tönen von Post-It-Zetteln, an den Wänden wirken weniger wohnlich.
 
Die Lobby im Erdgeschoss des Hotel Züri fliesst mit dem Frühstücksraum zu einem Ganzen, und dieselben Klinkersteine der Fassade bilden als eingegossene Scherben den Bodenbelag. Der Vorplatz vor dem Hotel kann als Outdoor-Frühstücksraum unter den Bäumen genutzt werden.

Ein Zimmer unter dem Dach im Hotel Züri by Fassbind. Bild: Roman Keller
Als wäre der Prime Tower ein Accessoire im Hotelzimmer: Die oberen Etagen des 25hours Hotel Langstrasse haben einen Spektakulären Blick auf das Gleisfeld und über ganz Zürich. Bild: Stephan Lemke für 25hours
Die Lounge hinter der Bar im 25hours Hotel ist wie ein Pool in den Boden eingelassen und erinnert an Alexander Girards Sofalandschaft im Miller House von Eero Saarinen. Bild: Jens Bösenberg

Empfang
 Im 25hours Hotel Langstrasse frühstückt man im Restaurant Neni, rechts von der Reception und sitzt dabei auf Cappellini-Stühlen von Aisslinger, den Juli Chairs, die zu ihrem 20. Jubiläum neu aufgelegt worden sind. Auf der anderen Seite der grossen Treppe ins Obergeschoss befindet sich die Bar mit Angrenzenden Co-Working-Inseln, und die Lounge hinter der Bar und dem Pixel-Bild aus Keramik-Fliesen von Tobias Rehberger, erinnert an das Miller House in Columbus, Indiana, eingerichtet von Alexander Girard.
 
Der zuweilen überbordende Eklektizismus im gesamten 25hours Hotel erinnert sowieso an Girard und die fröhlichen Sixties. Fröhlich ist gut. Zu viel des Guten manchmal zu viel. Aber es tut der Zwingli- oder Kapitalisten-Metropole Zürich schon gut, etwas Farbe und anderen «Spirit» zu erhalten. Der Platz vor dem Hotel direkt nach der Unterführung am Ende der Europaallee ist auf jeden Fall seit der Eröffnung des 25hours-Hotel rege bevölkert und belebt und macht Freude. Im Westen, beim Hotel Zürich, ist es ruhiger. Das mag an der Lage liegen, vielleicht aber auch an der Ausstrahlung des gesamten Komplexes, der sich ernster gibt als sein Mitkonkurrent.
 

Im Restaurant Neni im 25hours Hotel Langstrasse sitzt man auf Aisslingers Juli Chair von Cappellini, der zu seinem 20-jährigen Jubiläum neu aufgelegt worden ist. Bild: Jens Bösenberg
Facts
Hotel Züri by Fassbind
  • 167 Zimmer
  • Frühstücksraum und Lounge
  • Fitness und Sauna
  • Parkgarage (20 Franken pro Nacht)
  • Telefon mit Voice Mail
  • Grosse LCD-TVs mit über 120 Telefonsendern
  • Veloverleih
  • Haustiere willkommen
  • Preis: Fassbind hat keine Preislisten. Je nach Auslastung wird, ähnlich wie bei Flugpreisen, der beste Tagespreis angeboten. Ab rund 100 Franken/Nacht

25hours Hotel Langstrasse
  • ​170 Zimmer
  • Meeting-Bereich für 80 Personen
  • Restaurant Neni
  • Bar Cinchona
  • Wohnzimmer und Business Lounge
  • Künstler-Atelier – Artist in residence
  • Limitierte Anzahl Parkplätze in Tiefgarage
  • Sauna mit Weitsicht inklusive fitness
  • Bluetooth-Lautsprecher und Freitag-Tasche auf allen Zimmern
  • iMac Workstation
  • Kostenfreier Mini-Verleih
  • Schindelhauer Velos zur Miete
  • Preis: 270 Franken/Nacht bis 380 Franken/Nacht. Opening Rate: 220 Franken/Nacht
Die Suiten in den oberen Stockwerken des 25hours Hotel haben eine eigene Terrasse. Bild: Jens Bösenberg

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie